Christbaum
Wenn Sie zum Fest keine "Krüppelkiefer" mit drei kahlen Ästen in der Stube stehen haben wollen,
sondern ein Prachtexemplar von einem Christbaum, sollten Sie rechtzeitig aktiv werden. Schließlich
sind Sie nur einer von über 20 Millionen, die in Deutschland jedes Jahr auf der Suche nach dem perfekten
Weihnachtsbaum sind. Die Nachfrage ist so groß, daß jährlich Millionen von Nordmanntannen aus Dänemark importiert
werden müssen. Trotzdem dominieren in deutschen Wohnzimmern Fichten, die rund doppelt so schnell wachsen
wie Tannen. Aber "Oh Fichtenbaum, oh Fichtenbaum..." - das muß nicht sein, oder?
Die erste urkundliche Erwähnung findet ein Christbaum zwar schon im frühen 15. Jahrhundert,
aber allgemeines Brauchtum war er da noch lange nicht. Vorbild war vermutlich ein "Paradiesbaum",
wie er zu den weihnachtlichen Paradiesspielen in der Kirche zum Einsatz kam. Deren Thema waren der
Sündenfall und die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Da dabei Baum und Apfel eine gewichtige
Rolle spielten, war es nur naheliegend, einen mit Äpfeln behangenen Baum als "Bühnendekoration" aufzustellen.
Aber erst die Zünfte (vermutlich zuerst in Elsass-Lothringen) entwickelten den Brauch,
zu Weihnachten geschmückte Nadelbäumchen in ihre Zunfthäuser zu stellen. Trotzdem ging es mit der
allgemeinen Verbreitung nur schleppend voran, weil einerseits die breite Masse für derartigen Schmuck kein Geld hatte.
Weihnachtsbäume waren auch nicht ganz billig, weil Tannen, Fichten & Co nicht in allen Gegenden zum
natürlichen Baumbestand gehörten. Und andererseits wetterten die Kirchenoberen (katholisch wie evangelisch)
gegen den heidnischen Brauch, von dem sie fürchteten, er würde vom wahren Sinn des Weihnachtsfestes ablenken -
Blendwerk sozusagen. Erst als im 19. Jahrhundert evangelische Kreise den Weihnachtsbaum als Abgrenzung zum katholischen Brauch des
Aufstellens von Krippen zu ihrem Symbol erhoben und außerdem vermehrt Wälder mit Nadelhölzern angelegt
wurden, gelang dem Weihnachtsbaum der endgültige Durchbruch. Deutsche Auswanderer sorgten dann für die
"weltweite" Verbreitung.
Früher wurden die Bäumchen mit Äpfeln und Nüssen (gern auch vergoldet und versilbert), bunten Papierblüten und ~figuren, Nasch- und
Backwaren geschmückt, weshalb der Weihnachtsbaum regional auch Zuckerbaum genannt wurde. Kerzen waren
zu teuer, um sich frühzeitig allgemein durchzusetzen, auch wenn begüterte Kreise recht schnell auf die Idee kamen.
Baumschmuck war zunächst eine sehr individuelle Angelegenheit. Elemente wie Christbaumkugeln oder Lametta
konnten erst im Zuge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Verbreitung finden.
Heutzutage ist die Angebotspalette fast unüberschaubar und die Herstellung von Christbaumschmuck fast
ein eigener Industriezweig. Aber einige selbst gebastelte, individuelle Schmuckelemente verleihen
trotz (oder gerade wegen) des Mehraufwandes dem Bäumchen eine besondere Note. Ganz im Gegensatz
zu Christbäumen aus Metall oder Kunststoff, wie sie auch schon seit Ende des vorvorigen Jahrhunderts
vorkommen.
Mir bleibt dieses Jahr leider die festliche Ausstrahlung eines Tannenbäumchens verwehrt, da sich letztes
Jahr gezeigt hat, daß meine Katze eine ausgesprochene Vorliebe für diverse Dekoartikel hat. Und bevor
wieder die zerbrechlichen und daher gefährlichen Kugeln durch die Stube rollen oder ich ganz erschrocken beim Kätzchen
"hinten" einen Bandwurm zu entdecken glaube (der dann doch nur ein tags zuvor genaschter Lametta-Streifen war)...
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