Redensart / RedewendungEtwas auf dem Kerbholz haben BedeutungSich schuldig gemacht, etwas verbrochen / ausgefressen oder so manche
Missetat begangen haben, mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein, eine
Straftat begangen haben; schon so einiges erlebt haben HintergrundDas sogenannte Kerbholz war das über Jahrhunderte, ja, sogar über Jahrtausende
vorherrschende System primitiver Buchführung für Warenlieferungen, Schulden,
an Klöster oder sonstige Obrigkeiten gezahlte Abgaben, geleistete Arbeit
und dergleichen, sozusagen eine Art Schuld- oder Lieferschein. Es handelte
sich dabei meist um zwei kurze und gleichförmige, gut zueinander passende
Holzleisten oder Rundstäbe. Diese wurden nebeneinander gelegt und mit Messer oder Feile eingekerbt.
An einem festgesetzten Tag legte der Gläubiger seinen Teil des
Kerbholzes vor und forderte sein Geld oder was ihm sonst zustand. Der Schuldner legte das seine zum
Vergleich an. Paßten die Kerben der Hölzer nicht zusammen, hatte einer der beiden
Vertragspartner geschummelt.
Auch im Gasthaus bekam der Zecher ein Kerbholz, das er zum Begleichen
der Zeche vorzeigen mußte. Aus praktischen Gründen wurde hier allerdings
auf das Gegensstück für den Wirt verzichtet.
Bis weit ins 19. Jahrhundert waren Kerbhölzer als Ersatz für schriftliche
Buchführung üblich, weil so lange vor allem große Teile der Landbevölkerung
Urkunden, Verträge usw. nicht zu lesen vermocht hätten. Vor Gericht
waren die Kerbhölzer soviel wert wie Urkunden. In einem Buch zur Juristerei
von 1781 heißt es: "beweiseskraft haben die auf dem lande gewoehnlichen
kerbhoelzer, wenn beyde stuecke uebereinstimmen. kann eine parthey das
ihrige nicht herbeyschaffen, so muß der gegner zur eidlichen bestaerckung
des seinigen verstattet werden, in so ferne er nicht ueberfuehrt werden
kann, daß das fehlende kerbholz durch seine schuld abhaenden gekommen".
Wer also Schulden gemacht oder Lieferungen und Arbeitsleistungen noch
nicht beglichen hatte, der hatte etwas auf dem Kerbholz.
Kerbhölzer waren keineswegs nur in Deutschland oder Kontinentaleuropa
gebräuchlich. Auch in England gab es sie, z.B. zum Nachweis
gezahlter Steuern. 1834 im Zuge einer Steuerreform durch modernere Verfahren ersetzt, wurde eine
Vielzahl nun überflüssiger Kerbhölzer auf dem Hof des Parlamentsgebäudes
(Palace of Westminster) verbrannt. Pech nur, daß das Feuer auf den Gebäudekomplex
selbst übergriff und dieser zu großen Teilen bis auf die Grundmauern
niederbrannte.
Eine Abwandlung des früheren Kerbholzes hat sich in vielen Kneipen erhalten,
wenn der Wirt die konsumierten Getränke durch Striche auf Bierdeckeln
oder Zettelchen vermerkt. Beispiele"Wer mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, hat etwas auf dem Kerbholz."
"Denn der heute 76-Jährige hat einiges auf dem Kerbholz!"
"Ein Auszug aus dem Führungszeugnis der Angeklagten zeigte, daß sie mit
ihren 22 Jahren schon einiges auf dem Kerbholz hat."
"Ich habe nichts auf dem Kerbholz, was mich diesbezüglich in eine Zwangslage bringen könnte."
(der PDS-Politiker Gregor Gysi in einem Interview)
"Darum hießen sie ihn guter Dinge sein und befahlen dem Wirth, ihm tapfer aufzutragen und
vorzusetzen, und was er verzehre, an der Gemeinde Kerbholz zu schneiden." (aus "Die Schildbürger"
von Karl Simrock) Abbildung(en)Die gezeigten Nachbildungen veranschaulichen sehr schön,
wie man sich Kerbhölzer vorzustellen hat. Wobei es, wie oben erwähnt,
auch runde Formen gab.
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Verwendung des Fotos mit freundlicher Genehmigung von Herrn Diether Petter.
Sein unterhaltsames Weblog finden Sie unter www.schreibman.de | |