Redensart/Redewendung1) Die Kirche im Dorf lassen
2) Mit der Kirche ums Dorf gehen/fahren - die Kirche ums Dorf tragen Bedeutung 1) Sich an das Gegebene halten - alte Gewohnheiten beibehalten; nicht übertreiben - eine Sache vernünftig einschätzen - sachlich/vernünftig bleiben
2) Umständlich vorgehen - unnötige Umstände/Umwege machen
HerkunftIm Mittelalter gingen Kirchenbau und Besiedlung Hand in Hand. Eine Kirche war im Dorf gewissermaßen der natürliche Mittelpunkt, um den herum alle anderen Gebäude gebaut wurden. Sie können diese Anordnung heute noch in vielen kleinen Städten und Dörfern beobachten. Der zentrale Bauplatz
spiegelt den Stellenwert wider, den die Kirche als Einrichtung in der
mittelalterlichen Gesellschaft innehatte - von der Taufe bis zur Beerdigung
stand fast Alles in Bezug zum Glauben und zur Kirche. Wie auch sonst hätte
man in den Genuß des göttlichen Segens gelangen sollen, den noch die klapprigste Dorfkirche und die Dorfgeistlichkeit zu spenden versprachen? Und ohne ging es damals nicht.
In dem Bestreben, die Entstehung der Redensart genauer zu erlären, müssen wir aber wortwörtlich die Kirche im Dorf lassen. Ein Versuch verweist auf die zahlreichen Stadtgründungen im Spätmittelalter, die auch an der kirchenrechtlichen Organisation nicht spurlos vorübergingen. Der Schwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Städte, die in vielen Hinsichten reizvollere Betätigungsfelder boten, z.B. bei der Zahl der zu hütenden Schäfchen, der Möglichkeit zu prächtigen Bauwerken usw. Die umliegenden Gemeinden gerieten oft ins Hintertreffen, mußten nun mit einem Vikar (wörtlich: Stellvertreter; hier: Hilfsgeistlicher) vorliebnehmen, statt ihre seelischen Nöte wie früher einem
Pfarrer (zumindest in der katholischen Kirche ein ausgebildeter und geweihter Priester) anvertrauen zu können.[1]
Zur Redensart mit der Kirche ums Dorf gehen heißt es in einer alten Sammlung von Sprichwörtern:
"Kirche ist hier so viel als Kirchengemeinde, die bei ihren Processionen nicht gerad aus, sondern auf Umwegen geht."[2]
Bei einer Prozession (von lateinisch processio - Vorrücken, Voranschreiten) ziehen die Gläubigen zu einem bestimmten Anlaß (z.B. Karfreitag) feierlich in die Kirche, durch den Ort oder auch gleich ums ganze Dorf herum. Es kommt bei einer Prozession also gerade nicht darauf an, möglichst schnell von A nach B zu gelangen. Dieser Brauch wird vor allem in katholischen Gegenden gepflegt.
In diesem Zusammenhang kehren wir noch einmal zurück zur Kirche im Dorf (lassen). Eine weitere Deutung bezieht sich nämlich ebenfalls
auf die Prozessionen, die wohl manchmal ausuferten und die Grenzen einer Gemeinde deutlich überschritten. Von etwas eifersüchtigen Nachbargemeinden
konnte dann die Forderung kommen, die Kirche im Dorf zu lassen, also die
Ortsgrenzen nicht zu verletzen.
Diese wie auch die erste Erklärung zur im Dorf belassenen Kirche weist allerdings einen kleinen Schönheitsfehler auf: Sie läßt sich kaum oder gar nicht durch zuverlässige alte Quellen belegen.
[1] Vgl. Hartmann, Martina: Geschichte studieren, 2. Auflage, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2007, S. 80
[2] Eiselein, Josua: Die Sinnreden und Sprichwörter des deutschen Volkes in alter und neuer Zeit, Fridrich Wagnersche Buchhandlung, Freiburg 1840, S. 376
Beispiele1) Die Unternehmen sind klein, so daß man bei Marktaussichten
die Kirche im Dorf lassen muß."
"Bei noch elf ausstehenden Spieltagen solle man die Kirche im Dorf
lassen."
"Man kann ihn wohl als einen Politiker beschreiben, der die Kirche
im Dorf läßt, aber längst nicht alles um sie herum baut."
"Warum sollen wir die Kirche im Dorf lassen, wenn das Dorf nicht
mehr in die Kirche geht?"
2) "Man fährt zwar mit der Kirche ums Dorf, braucht dafür aber nicht umsteigen."
"Da wird mit der Kirche ums Dorf gefahren, statt auf den Punkt zu kommen."
"Wer den amtlichen Wegweisern folgt, geht mit der Kirche ums Dorf."
"Es muß die Frage gestattet sein, ob damit nicht die Kirche ums Dorf getragen wird?"
Zusätzliche Informationen
Mit der Kirche ums Dorf fahren... So geschehen im Oktober 2007 im Umland Leipzigs. Der Ort Heuersdorf wich gegen den Willen der Einwohner einem Braunkohletagebau. Wohnhäuser und andere Gebäude wurden abgerissen, die Einwohner entschädigt und umgesiedelt. Der Emmauskirche, deren Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht und die damit eine der ältesten Kirchen Sachsens ist, blieb der Abriß erspart. Das Baudenkmal wurde ins rund zwölf Kilometer entfernte Borna verfrachtet.
Das tolle Bild stammt von der Website rc-luftbilder.de. Manchen wird die Verbindung von Modellbau und Fotographie ähnlich erstaunen wie das Versetzen einer ganzen Kirche. Aber die Ergebnisse sprechen für sich. Schauen Sie doch mal auf der Website vorbei.
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