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Redensart/Redewendung

Russisch Polnisch Italienisch Spanisch Französisch Englisch ein Schlitzohr sein - schlitzohrig sein

Bedeutung

durchtrieben/(hinter)listig/gerissen sein - ein Betrüger sein

Herkunft

Ein Schlitzohr war ursprünglich jemand, den tatsächlich ein Schlitz im Ohr "zierte". Zu diesem "Schmuck" war derjenige nicht ganz freiwillig gekommen, sondern er war mit ihm bestraft worden. Diese Form der - körperlich relativ harmlosen - Misshandlung war in vergangenen Zeiten die Strafe für verschiedene Vergehen und sollte in Zukunft Mitmenschen davor warnen, dass sie es mit einem zu tun hatten, der seine Ehre verloren hatte und den sie lieber meiden sollten. Weil Ehre damals einen ungleich höheren Stellenwert hatte, war es dem Schlitzohr so gut wie unmöglich, ins normale Leben zurückzufinden. So blieb ihm z.B. die Mitgliedschaft in einer Zunft (städtische Berufsvereinigungen mit Zwangsmitgliedschaft) verwehrt, wodurch er keinen ehrbaren Beruf mehr ausüben konnte. Stattdessen musste er versuchen, als Söldner, Landstreicher oder gar Verbrecher über die Runden zu kommen. Eine zweite Chance gab es also nicht. Ganz im Gegenteil! Der einmal Gestrauchelte wurde so erst recht auf die schiefe Bahn gedrängt und musste - im heutigen Sinne - schlitzohrig sein.

Darüber, welche Vergehen mit dem Schlitzen der Ohren geahndet wurden, sind sich die verschiedenen Quellen nicht ganz einig. Dementsprechend sind mehrere Erklärungen im Umlauf.

So sollen Betrügern oft die Ohren geschlitzt worden sein, bspw. Bäckern, deren Brot und Brötchen unter der vorgeschriebenen Mindestgröße lagen. Aber auch Spione sollen im Mittelalter auf diese Weise gekennzeichnet worden sein.

Möglich ist auch, dass ausgestoßenen Zunftmitgliedern zum Zeichen ihrer Unehre der Ohrring, der ihre Mitgliedschaft symbolisierte, ausgerissen wurde.

Des Weiteren geht die Erklärung um, dass ertappte Lauscher mit dem Ohr an die Tür genagelt wurden, hinter der sie ihrer Neugier gefrönt hatten, und nur mit einem beherzten und sicher schmerzhaften Ruck wieder loskamen, der sie zu einem Schlitzohr machte. Allerdings dürfte es auf der praktischen Ebene recht schwierig sein, ein Ohr an eine Tür zu nageln - es ist einfach immer der Kopf im Weg. Versuchen Sie es doch mal ...

In Mittelalter und Früher Neuzeit war die Ehre nicht nur ein kostbares Gut, sondern wurde als Teil des Körpers verstanden. Dementsprechend lag es nach damaligem (Rechts)Verständnis auf der Hand, einen Schuldigen, den man an der Ehre strafen wollte, in Abhängigkeit von der Schwere der Schuld auch körperlich zu misshandeln. Das musste nicht in jedem Fall dazu führen, dass der Bestrafte bleibende Schäden davontrug, die ihn dauerhaft zum ehrlosen Außenseiter stempelten. Mit etwas Glück wurde man bei geringeren Vergehen "nur" dem Gespött der Mitmenschen preisgegeben, konnte später unter Umständen rehabilitiert werden oder wenigstens anderswo ein neues Leben beginnen, was bei den damaligen starren gesellschaftlichen Strukturen beschwerlich genug war. Auf der anderen Seite konnte man aber auch Finger, Hand, Nase oder Ohren "verlieren". Unnötig zu erwähnen, dass eine derart schwere Bestrafung unumkehrbar war. Wenn Sie so wollen, lag das Schlitzohr gewissermaßen im Mittelfeld.

Zum Thema altertümliche Ehrenstrafen siehe auch jemanden zur Sau machen.

Beispiele

"Er war ein sympathisches Schlitzohr, ein cleverer Geschäftsmann, ein unendlicher Charmeur."
"Der Film ist ein zeitloser Klassiker, in dem uns das Schlitzohr Hitchcock erklärt, dass wir, die Zuschauer, die eigentlichen Spanner sind und die Abgründe seiner Helden in uns selbst tragen."
"Calmund ist in seiner Zunft einer von denjenigen, die mit dem Begriff Schlitzohr noch eher freundlich beschrieben sind."
"Wenn Sie sich im Haifischbecken der Marktwirtschaft bewegen und etwas erreichen wollen, müssen Sie allerdings schlitzohrig und skrupellos sein."
"Geschwätzig und schlitzohrig zeigt er, wie man es macht, wenn man nicht viel zu berichten hat, jedoch 45 Minuten füllen will."

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Wissenswertes

Steinerner Schandpfahl

Bild: PixelQuelle

Eine der bekanntesten Ehrenstrafen war das sprichwörtlich gewordene an den Pranger stellen. Dabei wurde der Missetäter (meist) auf dem Marktplatz mittels eines Halseisens und zugehöriger Kette an einen hölzernen (in der gehobenen Ausführung massiv aus Stein) Pfahl (Schandpfahl) gefesselt und der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Oft verwiesen aufgestellte Tafeln darauf, was der Unglückliche sich zuschulden kommen lassen hatte. Als ob die Schande und vor allem deren üble Folgen der Strafe nicht genug gewesen wären, musste sich der Angeprangerte auch noch heftigst verspotten und sogar mit allerlei Unrat bewerfen lassen. Wenigstens war vielerorts das Bewerfen mit festen Gegenständen verboten.

Der Pranger hatte neben dem Schandpfahl mit Halseisen eine Reihe anderer Erscheinungsformen und konnte auch aus einem Käfig oder lediglich aus einem mit einer Kette an Rathaus oder Kirche befestigten Halseisen bestehen. Möglich war aber auch eine regelrechte Bühne. Auf die in jedem Fall entehrende Wirkung der Anprangerung hatte die Machart keinen Einfluss.

Da mit dem Pranger fast alle kleineren Delikte geahndet werden konnten, wurde er entsprechend häufig verordnet. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts verschwand er langsam aus der Rechtsprechung.

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