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Redensart/Redewendung

Russisch Polnisch Italienisch Spanisch Französisch Englisch über die Wupper gehen

Bedeutung

1) sterben; bei Gegenständen: kaputtgehen - entzweigehen
2) pleite/zahlungsunfähig sein - bankrott machen - Konkurs beantragen

Herkunft

Über die Wupper gehen ist eine der rätselhaftesten deutschen Redensarten. Die Liste der mehr oder minder glaubwürdigen, nachvollziehbaren Erklärungsversuche ist ähnlich lang wie der Fluss selbst, der sich knappe 120 Kilometer durchs Bergische Land schlängelt, bevor er in Leverkusen in den Rhein mündet.

Da hätten wir erstens "Über die Wupper gehen" als heimische Ausgabe der biblischen, Tod verheißenden Redensart über den Jordan gehen. Und in der griechischen Sagenwelt gelangt man über einen Fluss, den Styx, ins Reich der Toten, den Hades.[1] Aber diese alten Vorbilder können nicht als der alleinige Grund für das Entstehen des redensartlichen Gangs über die Wupper angesehen werden. Andernfalls müsste es zu bedeutenderen Flüssen, wie Elbe oder Rhein, erst recht derartige Redewendungen geben. Es muss also weitere Gründe geben.

Als im 19. Jahrhundert die an der Wupper gelegenen Städte Elberfeld und Barmen (1929 vereinigt zu Wuppertal) an Größe, Bevölkerung und Bedeutung zunahmen, stießen die bis dato beschaulichen Stadtverwaltungen und Infrastrukturen an ihre Grenzen. Zur effektiveren Bekämpfung der mit den steigenden Bevölkerungszahlen Schritt haltenden Kriminalität wurde dem 1834 eingerichteten königlich-preußischen Landgericht Elberfeld ein Neubau spendiert (1852). Dieser Neubau befand sich auf einer Insel in der Wupper, die in der Folge als Gerichtsinsel bekannt wurde. Gegenüber dem Landgericht, aber jenseits der Wupper, wurde 1864 ein neues Gefängnis errichtet, das auch für Hinrichtungen ausgerüstet war (Fallbeil). Wer am Landgericht zur schlimmsten aller Strafen verurteilt wurde, ging über die Wupper zum Richtplatz, um dort sein gewaltsames Ende zu finden.

War ein Geschäftsmann bankrott und wollte am Gericht die entsprechenden Formalitäten erledigen, musste auch er über die Wupper gehen. Wenigstens kam er mit dem Leben davon. Noch heute haben sowohl das Landgericht als auch das Amtsgericht ihren Platz auf dem "Eiland" in der Wupper.

Wappen der Stadt Wuppertal
Wuppertal
Demselben Strickmuster folgt eine Erklärung, die einen auf der anderen Seite des Flusses befindlichen Friedhof für die Redensart verantwortlich macht. Und führt man sich einen Stadtplan Wuppertals zu Gemüte, stellt man fest, dass zumindest das frühere Elberfeld in der Tat südlich der die Stadt teilenden Wupper über keinen Friedhof verfügt(e), von einem kleinen Ehrenfriedhof abgesehen. Wer in der Südstadt wohnte und einen Angehörigen zu Grabe tragen musste, der tat dies in aller Regel im Norden und jenseits der Wupper.[2]

Spannend klingt folgende Herleitung: Nachdem der preußische "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. 1713 gekrönt worden war, ließ er in seinem Herrschaftsbereich eine große Zahl junger Männer als Soldaten zwangsverpflichten, insbesondere hoch gewachsene Männer für seine Langen Kerls. So auch in der Grafschaft Mark. Wer sich dem entziehen wollte, flüchtete über den Grenzfluss Wupper ins benachbarte Herzogtum Berg, wo er vor der Zwangsrekrutierung sicher war. Die Flucht aus der Heimat war immer noch besser als unter der brutalen Fuchtel preußischer Offiziere zu stehen. Schon kleine Vergehen wurden mit scharfen Strafen geahndet. Das berüchtigte Spießrutenlaufen konnte sogar zum Tod führen. Das preußische Anwerben von Soldaten und die Art und Weise, wie dies geschah, führten 1721 zum Märkischen Aufstand. Für die Beteiligten war der Gang über die Wupper oft die letzte Möglichkeit, sich zu retten.[3]

Dem aufmerksamen Leser wird ein Widerspruch aufgefallen sein: Für die "Kriegsdienstverweigerer" bedeutete der Gang über die Wupper zwar den Verlust der Heimat, aber nicht den des Lebens. Und pleite gingen sie dadurch auch nicht zwangsweise, wenn sie auch Hab, Gut und Arbeit zurücklassen mussten. Diese Historie passt also nicht recht zu den Bedeutungen, die wir mit der Redewendung Über die Wupper gehen verbinden. Außerdem lassen sich keine Belege für die Verwendung der Redensart im 18. Jahrhundert finden. Aber das ist eher ein Hinweis als ein Beweis, da Umgangssprache, erst recht Mundarten, und Literatursprache oft zwei paar Schuhe sind.[4]

Es gehen noch weitere Legenden um, die aber alle nicht oder zumindest weniger überzeugen als die genannten. Auch so haben Sie schon die Qual der Wahl. Sollten Sie aus Wuppertal und Umgebung stammen, teilen Sie mir doch mit, welche Herleitung Sie bevorzugen. Aber vielleicht ist der Ansatz, den einen, alles erklärenden Ursprung zu suchen, ein falscher. Vielleicht gilt es lediglich herauszufinden, welche die älteste, die ursprüngliche Geschichte ist, der später weitere Kapitel hinzugefügt wurden. Aber selbst das könnte sich als unmöglich herausstellen. Dass das "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" als Referenzwerk nun gerade diese interessante Redensart stiefmütterlich in zwei Zeilen abhandelt, nur die Bedeutungen "sterben" und "bankrott machen" anführt und sich zu möglichen Ursprüngen ausschweigt, macht die Aufgabe um so reizvoller.[5]

[1] Siehe hierzu einen Obolus entrichten.
[2] Für wichtige Hinweise, wie sie nur ein Ortskundiger geben kann, danke ich herzlich Diakon Kurt Dohmen aus Wuppertal-Elberfeld. Ohne ihn wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, die Lage der Friedhöfe unter die Lupe zu nehmen.
[3] Siehe Albrecht, Detlef: Historische Kurzgeschichten aus Westfalen, Atelier Margits Art, Menden 2010, S. 123 ff. Das Buch genügt zwar nicht strengen wissenschaftlichen Ansprüchen (und soll das auch gar nicht), beschreibt aber sehr anschaulich, wie die märkische Bevölkerung unter den Zwangswerbungen litt.
[4] Ein, oder viel mehr DAS Rheinische Wörterbuch führt zwar für den Kölner Raum die Wendung "He es üvver de Wupper" mit der Bedeutung das Land verlassen, über die Grenze gehen. Das passt aber räumlich nicht recht, wenn man den Urquell der Redensart in Wuppertal bzw. Elberfeld/Barmen vermutet.
[5] Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, siebte Auflage, Herder Verlag, Freiburg - Basel - Wien 1994, Bd. 3, S. 1746

Beispiele

"Wenn man Glück hat, geht die Festplatte noch in der Garantiezeit über die Wupper."
"Sein Urteil: Banken lassen es darauf ankommen, dass einige Mittelständler über die Wupper gehen"
"Wegen des von den Ex- und Hopp-Ideologen veranstalteten Trommelfeuers gegen das Dosenpfand darf der umweltschonende Traditionswerkstoff Glas nicht über die Wupper gehen."
"Natürlich gingen gerade im entscheidenden Moment die Batterien der Kamera über die Wupper."

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Wissenswertes

Dank der freundlichen Genehmigung des Ministeriums für Bauen und Verkehr Nordrhein-Westfalen (Bild: Herr Rainer Klenner) kann ich Ihnen zeigen, wie man ohne unangenehme Nebenwirkungen oder Absichten über die Wupper kommt, sogar über ihr dahingleitet: mit der berühmten Wuppertaler Schwebebahn. 1901 eingeweiht und somit die älteste ihrer Art, ist sie auch das sicherste Verkehrsmittel der Welt. In über 100 Jahren Betrieb gab es nur einen einzigen Unfall mit Todesfolge (1999). Und das, obwohl die Schwebebahn keine bloße Touristenattraktion ist, sondern Wuppertals wichtigstes öffentliches Verkehrsmittel.

Ein kurioser Unfall ohne derart schwerwiegende Folgen, aber mit schwer wiegender Beteiligung ereignete sich 1950. Ein Zirkusdirektor kam auf die (Schnaps?)Idee, die Schwebebahn zu Werbezwecken mit seiner jungen Elefantendame "Tuffi" eine Runde drehen zu lassen. Obwohl schon mit Schiff, Flugzeug, Straßenbahn und Auto gereist, war Tuffi von dieser Art des Transports offensichtlich nicht begeistert - laut trompetend drückte sie während der Fahrt ein Fenster des Schwebewagens ein und verabschiedete sich in Richtung Wupper. Glücklicherweise überstand sie den Sturz weitestgehend unverletzt. Der Zirkusdirektor und der Leiter der Verkehrsabteilung kamen auch glimpflich davon - beide wurden wegen fahrlässiger Transportgefährdung zu einer Geldstrafe verurteilt.

Wuppertaler Schwebebahn
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