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Dampf machen oder ablassen

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch1) jemandem Dampf machen; hinter etwas Dampf machen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch2) unter Dampf stehen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch3) Dampf ablassen

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Bedeutung

1) jemanden bei etwas antreiben – jemandem zur Eile anhalten – jemanden drängen/anspornen – jemanden unter Druck setzen[1]; eine Sache beschleunigen
2) a) für etwas bereit sein – voller Tatendrang sein – angespannt sein – etwas nicht abwarten können
b) wütend/zornig/gereizt/genervt/gestresst sein – von anderen bedrängt/gehetzt/unter Druck gesetzt werden/stehen; Zeitdruck haben
3) seinen Ärger herauslassen – seine Wut an jemandem/etwas abreagieren – aussprechen, worüber man sich ärgert; sich entspannen – Stress abbauen – sich beruhigen

Herkunft

Wenn man so will, werden die Redensarten in der technisch bedingten Reihenfolge behandelt. Zuerst muss Dampf gemacht werden, bevor etwas unter Dampf stehen und selbigen wieder ablassen kann.

Noch wörtlich zu verstehen sind die Wendungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals meinte Dampf machen, dass Dampfschiffe oder Dampflokomotiven fahrbereit oder – allgemeiner formuliert – Dampfmaschinen und mit solchen betriebene technische Anlagen betriebsbereit gemacht werden. Dampfmaschinen brauchen deutlich mehr Vorlaufzeit als bspw. Motoren, die mit Benzin, Strom oder ähnlichem betrieben werden, da durch das Beheizen des Dampfkessels das darin befindliche Wasser in Wasserdampf umgewandelt und Druck aufgebaut werden muß. Und allein das notwendige Feuermachen nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch.

Dampf machen geht also notwendig dem unter Dampf stehen voraus. Diese Mittelposition nimmt die Wendung nicht nur im technischen Bereich ein, sondern auch im sprachlichen. So lehnt sich die erste Bedeutung „bereit sein“ eher an das vorangehende Dampf machen an, die zweite Bedeutung „wütend sein“ verweist hingegen eher auf Dampf ablassen.

DampflokUnd selbstverständlich hängt auch Dampf ablassen mit Dampfmaschinen zusammen. Wird mehr Dampf und somit Druck erzeugt, als benötigt und in Arbeit umgewandelt wird, kann der Druck im System so hoch steigen, dass einem auch der dickwandigste Kessel um die Ohren fliegt. Um das zu vermeiden, gibt es zumeist ein Überdruckventil oder ähnliche Vorrichtungen, über das/die überschüssiger Dampf abgelassen und der Druck somit verringert werden kann. Während der industriellen Revolution waren explodierende Dampfkessel eine häufige Unfallart – nicht selten mit verheerenden Folgen.

Wie würden Sie nach unserem kleinen Ausflug in die Technikgeschichte die Redensart „unter Strom stehen“ deuten und herleiten?!

[1] Im deutschsprachigen Standardwerk zum Thema Redensarten, dem „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ von Lutz Röhrich, werden „jemandem Angst machen“ und „jemandem einschüchtern“ als Bedeutung dieser Redensart geführt. Dagegen sprechen sowohl das Sprachempfinden des Verfassers dieses Artikels als auch die weit überwiegende Zahl der im Internet gefundenen Verwendungen der Redensart. (Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, 7. Auflage, Herder Verlag, Freiburg – Basel – Wien 1994, Bd. 1, S. 302)
[2] Beispiel: „Da sich bis zu Mittag kein Lüftchen regte, so ließ der Capitain Dampf machen und nun erst kamen wir den blauen Bergen näher.“ (Kreyher, F.: Die preußische Expedition nach Ostasien, Hamburg 1863, S. 38)

Beispiele

1) „Ansonsten bemüht sich der Verein um Spieler, die den Stammspielern in Zukunft etwas mehr Dampf machen.“
„In meinen Augen ist sie unfähig und unwillig, eine Schlaftablette, der man erst einmal ordentlich Dampf machen muss.“
2) a) „Doch gerade Menschen, die unter der Woche unter Dampf stehen, tun sich oft schwer damit, ihre freie Zeit zu gestalten.“
a + b) „Vor allem der nicht ganz freiwillig zu Hannover 96 gewechselte Frank Fahrenhorst steht vor dem Spiel gegen seinen alten Verein mächtig unter Dampf.“
b) „Der Angeklagte brachte zu seiner Rechtfertigung vor, er habe mächtig unter Dampf gestanden und nicht mehr klar denken können.“
3) „Ein Kleinkind hatte mit seinem zwanzigminütigem Getobe und Gequengel die Bahnfahrt zur Hölle gemacht, und ich musste erst einmal Dampf ablassen.“
„Wer in der Mittagspause Dampf ablassen will, kann das zukünftig in der firmeneigenen Sporthalle.“

Wissenswertes

Eine bei Dampflokomotiven vergleichsweise häufige Ursache für Überdruck und Kesselexplosionen war – auch wenn es im ersten Moment merkwürdig klingt – Wassermangel. Das Wasser für die Dampferzeugung war gleichzeitig Kühlmittel, z.B. für die Wände des „Ofens“, der sogenannten Feuerbüchse. War der Wasserstand zu niedrig, erhitzten sich die nun freiliegenden Teile übermäßig. Beim nächsten Kontakt mit Wasser wurde schlagartig so viel Dampf erzeugt, dass es den Kessel sprengte.

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