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Haben Sie Gardemaß?

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglischGardemaß haben

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Bedeutung

sehr groß sein

Herkunft

Als Garden bezeichnet man allgemein die Leibwachen eines Herrschers, Elitetruppen u.ä.. Gemeint ist hier eine ganz spezielle Garde, nämlich das Leibregiment des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I., welches landläufig als Potsdamer Riesengarde und Lange Kerls bezeichnet wurde. Noch als Kronprinz gründete er 1709 diese Einheit, die ihm sein Leben lang sehr am Herzen lag. Das galt allerdings für seine ganze Armee, der er viel Geld und Energie widmete. Nicht umsonst nannte man Friedrich Wilhelm I. den „Soldatenkönig“.

Um seine „Macke“ zu befriedigen, war der sonst sehr sparsame König (ab 1713) weder zimperlich noch knauserig. Neben der regulären und auf Freiwilligenbasis stattfindenden Anwerbung in den eigenen Landen kam es in zahlreichen Fällen zu regelrechtem Menschenraub auch außerhalb des eigenen Territoriums. Und nicht selten brachten sich hochgewachsene Preußen über die Landesgrenzen in Sicherheit – so z.B. der recht bekannte Dichter Johann Christoph Gottsched. Aber selbst auf europäischer Ebene bemühte sich Friedrich Wilhelm um Nachschub. Wer immer ihm ein paar Lange Kerls „schenkte“, fand für seine Anliegen ein offenes Ohr. Der russische Zar Peter I. soll sich für das kostbare Bernsteinzimmer (seit 1945 verschollen) mit 55 Langen Kerls revanchiert haben.

Wer sich freiwillig rekrutieren lassen hatte oder sich wenigstens nachträglich mit seinem Schicksal versöhnte, hatte als „Paradesoldat“ ein gutes Auskommen. Der Sold und das Handgeld (einmalige Zahlung bei Anwerbung) lagen bei weitem über dem eines gewöhnlichen Soldaten. Der König kümmerte sich um ihr Wohlergehen, schenkte ihnen nicht selten Häuser und ließ sogar für Ehefrauen sorgen.

Damit war aber weitestgehend Schluss, als Friedrich II. („der Große“, auch „der Alte Fritz“) 1740 den Thron bestieg. Er löste das Regiment als solches weitestgehend auf und gliederte die repräsentativen Soldaten in andere Einheiten ein.

Sie fragen sich nun vermutlich, wie groß die Langen Kerls denn mindestens sein mussten, um Gardemaß aufzuweisen. Als Minimum stehen theoretisch 6 Fuß rheinisches Maß zu Buche, was ca. 1,88m entspricht. In der Praxis sind es wohl des Öfteren ein paar Zentimeter weniger gewesen. Wirkliche Riesen wie ein Ire von 2,17m waren die seltene Ausnahme. In Verbindung mit den ausufernden Mützen dürfte dennoch fast jeder Soldat die 2 m geknackt haben.

Dabei gilt es noch zu beachten, dass die Evolution in den seither vergangenen drei Jahrhunderten die Menschen in die Höhe schießen lassen hat. Liegen für Männer heutzutage 1,85m immer noch im Schnitt, hat man damals mit dieser Größe tatsächlich als Riese gegolten.

Es gab angeblich auch eine „wissenschaftliche“ Theorie, die der Marotte des Königs einen praktischen Wert zusprach. Man hoffte, die großen Soldaten könnten Gewehre mit längerem Lauf handhaben und wären dadurch dem Gegner in Sachen Reichweite überlegen. Ob man aus 150m Entfernung schießen konnte oder schon aus 200m, konnte durchaus entscheidend sein. Das allerdings nur im Falle eines Falles, weil die Langen Kerls eher mit Wachdienst und Paraden beschäftigt waren als mit Fronteinsätzen. Wobei paradoxerweise ausgerechnet der „Soldatenkönig“ ohnehin keine Kriege geführt hat. Da die Elitetruppe aber auch als Versuchskaninchen für Neuerungen in Sachen Taktik, Drill usw. diente, die bei Erfolg auch auf die regulären Truppen angewendet wurden, konnten sich solche Experimente durchaus als nützlich erweisen.

Zu den Langen Kerls siehe auch jemandem den Laufpass geben. Und im Zusammenhang mit Friedrich Wilhelm I. möchte ich auf seinen Friedrich Wilhelm unter etwas setzen verweisen.

Beispiele

„Die größten Kakerlaken der Welt leben jedoch nicht in Madagaskar, sondern in Südamerika – dort wird ein Gardemaß von über 15 Zentimetern erreicht.“
„2000 Gäste waren gekommen, auch einige aus Deutschland, unter denen ein Meteorologe von der Zugspitze durch sein Gardemaß besonders auffiel.“
„Jewgeni Panfilow aus Perm gründete eine Monstrosität: das „Ballett der Dicken“, eine Kompanie, die durch Körperfülle statt Gardemaß Erstaunen garantierte.“
„Rehhagels Vorliebe für Spieler mit Gardemaß ist seit seiner Zeit bei Werder Bremen bekannt.“
„Fingerdick, kerzengerade und 22 Zentimeter lang: Das ist das Gardemaß für den Spargel.“

Wissenswertes

Ein Langer Kerl als authentisch bemalte Zinnfigur in einer Uniform um 1714

Ein Langer Kerl als originalgetreu bemalte Zinnfigur. So sahen des Königs Riesen um 1714 aus. Vielen Dank an die Firma Berliner Zinnfiguren für die Bereitstellung des Bildes.

Haben Sie Gardemaß?
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