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Eine Milchmädchenrechnung aufmachen

Redensart/Redewendung

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Bedeutung

unlogisch denken – von falschen Voraussetzungen ausgehen und daher falsche Schlußfolgerungen ziehen – möglicherweise auftretende Probleme nicht bedenken – eine Berechnung aufstellen, die nicht aufgehen kann

Herkunft

Wen oder was hat man sich unter einem Milchmädchen vorzustellen? Befragen wir hierzu ein altes, fettes Wörterbuch:

„Die Milchmagd, plur. die -mägde, in der Landwirthschaft, eine Magd, welche allein, oder doch vornehmlich mit der Milch zu thun hat, das Vieh melket u.s.f. Ingleichen eine Magd, welche die Milch in die Stadt zu Markte trägt.“[1]

Wie kam das Milchmädchen zur Rechnung und sogar zu einer Redensart, wenn auch einer wenig rühmlichen? Die Redewendung verdanken wir vermutlich (nicht völlig gesichert) der Fabel „La laitière et le pot au lait“ (Das Milchmädchen und der Milchtopf) des französischen Dichters Jean de la Fontaine (1621 – 95), die von mehreren deutschen Schriftstellern aufgegriffen, bearbeitet und veröffentlicht wurde, z.B. unter dem Titel „Die Milchfrau“ von Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Unter allen verfügbaren Bearbeitungen hat mir eine alte Übersetzung des Originals am besten gefallen. Diese will ich Ihnen selbstverständlich nicht vorenthalten.

Pergament

„Perrette trug auf ihrem Kopf
auf rundem Kissen einen Topf
voll Milch zur Stadt, um dort das Labsal zu verkaufen.
Sie hatte, um behende und bequem zu laufen,
gar leichte Schuhe und ein kurzes Röckchen an
und ging mit großen Schritten munter gradeaus;
denn angenehm war das, was sie im Gehen sann.
Sie zählte im voraus
schon das Geld, das sie beim Verkauf der Milch gewann.
Sie will von dem Erlös sich hundert Eier kaufen,
will brüten lassen, und gewiß, sie hätte dann
der schönsten Kücken bald den schönsten Haufen.
Und weiter spann Perrette so im Laufen:
Ich werde tüchtig mich bemühen,
rund um mein Häuschen die Hühner aufzuziehen.
Es müßte schon der ärgste aller Füchse sein,
der nicht genug mir übrig ließe von der Schar,
daß ich dafür ein junges Schwein
erhandeln könnte. Übers Jahr
ist’s fett gemacht und trägt in bar
mir dann ein hübsches Sümmchen ein.
Ich geh und kaufe eine Kuh,
die Kuh bekommt ein Kälbchen klein –
ach, wird das eine Freude sein,
wenn wir es springen sehn – juhu!
Und voller Freude sprang Perrette selber.
Da tanzte ihr vom Kopf
der milchgefüllte Topf –
ade, ihr Hühner, Schweine, Kuh und Kälber!
Die ganze Herrlichkeit zerfloß vor ihren Füßen,
wie schöne Träume beim Erwachen jäh zerfließen.
Die Leute aber haben lange noch gelacht
Und aus Perrettes Milchtopf einen Schwank gemacht.

Wer liebte nicht des Phantasierens holden Duft?
Wer baute nie ein stolzes Schloß sich in die Luft?
Pikrocholos, Pyrrhus, Perrette, kurzum alle –
Der Klügste gleicht dem dümmsten Kerl in diesem Falle.
Wir träumen jeden Schatz der Welt in unsre Hand,
erobern Ruhm und Frauen ohne Widerstand.
Bin ich allein, so fordre Riesen ich heraus,
ich jag den Perserschah aus seinem goldnen Haus,
ich werde König, bin beliebt bei meinem Volke,
die Kronen kommen wie der Regen aus der Wolke.
Schließt ein Besinnen wieder zu der Träume Tor,
bin ich ein armer Kauz und Tölpel wie zuvor.“

Zu den Fabeln de la Fontaines siehe auch jemandem einen Bärendienst erweisen und sich mit fremden Federn schmücken.

Die redensartliche Milchmädchenrechnung wird insbesondere in Politik und Wirtschaft gern verwendet, um Mitbewerber aus dem jeweils anderen Lager zu verunglimpfen und deren Sachverstand grundsätzlich in Frage zu stellen.

[1] Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Leipzig 1798, Bd. 3, S. 208

Beispiele

„Mit so wenigen Informationen lässt sich aus der Ferne nicht einmal eine Milchmädchenrechnung aufmachen.“
„Wer an der Bildung sparen will, macht eine Milchmädchenrechnung ohne Netz und doppelten Boden auf.“
„Als betroffener Steuerzahler kann ich nur sagen, dass die Diskussion um Steuersätze einer Milchmädchenrechnung schon sehr nahe kommt.“
„Es ist doch eine Milchmädchenrechnung, dass die Leute weniger verdienen, aber mehr ausgeben sollen.“
„Wie soll man eine solche Planung bezeichnen, wenn nicht als Milchmädchenrechnung?“

Wissenswertes

Milchmädchen mit Hundegespann

Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Milchmädchen noch eine ganz alltägliche Erscheinung, wie diese (belgische) Postkarte aus dem Jahr 1915 erkennen läßt.

Besonders interessant an dieser Postkarte ist das Hundegespann. Siehe dazu auf den Hund kommen.

Eine Milchmädchenrechnung aufmachen
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