Redensart/RedewendungDen Spieß umdrehen BedeutungDie Rollen tauschen - den Gegner mit dessen eigenen Waffen schlagen - mit den gleichen Waffen zurückschlagen, mit denen man angegriffen wurde - etwas mit gleicher Münze heimzahlen - von der Abwehr zum Angriff übergehen - sich rächen
HerkunftWas ist ein Spieß? Eine ziemlich lange Waffe, deren Schaft aus Holz gefertigt ist und bei der - wenn überhaupt - nur die Spitze aus Metall besteht. Spieße wurden schon im antiken Griechenland verwendet (Stichwort: Phalanx). Aufgrund seiner Länge war ein Spieß bestens geeignet, sich Feinde (insbesondere Reiter) vom Leib zu halten. Für den eigentlichen
Nahkampf war ein Spieß etwas zu unhandlich. Ein Vorteil dieser Waffe war, daß sie sich leichter und vor allem billiger herstellen ließ als
Waffen, die erst aufwendig geschmiedet werden mußten. Nicht zuletzt deshalb waren Spieße eine wichtige Waffe in den Bauernkriegen und Aufständen des 15. und 16. Jahrhunderts. Zur gleichen Zeit waren Spießträger (hauptsächlich Pikeniere) aber auch ein sehr wichtiger Bestandteil regulärer Heere, bis die Weiterentwicklung der Feuerwaffen (Arkebusen, Musketen) sie weitgehend entbehrlich machte.
Bei der Deutung der Redensart den Spieß umdrehen hat man der Fachliteratur nach tatsächlich an ein Kampfgetümmel zu denken, bei dem jemand im Handgemenge seinem Gegner den Spieß entwendet, diesen wortwörtlich umdreht und nun gegen seinen Feind einsetzt.
Einschränkend sei allerdings gesagt, daß man an dieser in der Fachliteratur (vgl. z.B. Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. 2) angegebenen Herleitung Zweifel hegen kann, wenn man sich den Ablauf bildlich vorzustellen versucht. Man kann sicherlich eine Waffe, die locker über drei Meter mißt, umgehen oder unterlaufen und dadurch verhindern, daß man mit der Spitze Bekanntschaft macht. Dazu braucht man nur dicht genug an den Gegner herankommen. Aber kann man so ein langes, unhandliches Ding auch im Gedränge dem Gegner entreißen, "einfach so" umdrehen und dann den Feind außer Gefecht setzen, was diesem vorher nicht gelang? Und kaum ein Gegner wird so ausgesprochen entgegenkommend sein, sich in aller Seelenruhe mit seiner eigenen Waffe erstechen zu lassen.
Hinzu kommt, daß Pikeniere im Normalfall zusätzlich Nahkampfwaffen wie Schwert und Dolch mit sich führten, eben weil der Spieß (Pike, Hellebarde u.ä.) im Nahkampf nicht zu gebrauchen war.
Ein letztes Argument sei genannt: Weil Spießträger eine Zeit lang von so großer Bedeutung für die Fußtruppen waren, kam es nicht selten vor, daß in einer Schlacht zwei Formationen von Pikenieren aufeinander trafen. Wieso sollte man dem Gegner eine Waffe wegnehmen, über die man selbst verfügt?
Zugegebenermaßen vermag ich keine bessere, durch Quellen gestützte Erklärung zu liefern. Trotzdem kann und will ich die Lehrmeinung nicht unkritisch übernehmen.
Wie auch immer ... Erwischt ein Spießgeselle, also jemand, der mit dem Spieß kämpft, seinen Gegner, wird dieser verständlicherweise schreien wie am Spieß. Mit anderen Worten wird er sehr laut schreien, gerade so, als ob es ums Leben ginge - was in diesem speziellen Fall ja auch zuträfe.
Im Zusammenhang mit Mittelalter, Rittertum usw. interessieren Sie womöglich
auch die Redensarten etwas im Schilde führen, jemanden im Stich lassen oder auch jemandem das Wasser abgraben. Und selbstverständlich sollten Sie einen Blick auf den Spießbürger werfen. Beispiele"Innerhalb von 12 Minuten konnte Werder Bremen den Spieß umdrehen."
"Nach seinen beiden zweiten Plätzen will Alonso in der Heimat den Spieß umdrehen und Schumachers siebten Sieg in Barcelona verhindern."
"Wir werden den Spieß umdrehen und selbst Anzeige erstatten."
"Für solche Leute muß es schwer zu ertragen sein, wenn plötzlich der Spieß umgedreht wird." Zusätzliche informationenDer Stich von Hans Holbein dem Jüngeren (1497 - 1543) zeigt Landsknechte mit ihren Spießen im Kampf. Angesichts des Getümmels erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß hier wer den Spieß umdrehen kann. Der rote Kreis soll Ihren Blick auf das Schwert des Spießträgers lenken.
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