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Um des Kaisers Bart streiten

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglischum des Kaisers Bart streiten

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Bedeutung

über etwas Unwichtiges streiten – um belanglose Dinge streiten – über etwas streiten, worüber zu streiten sich nicht lohnt; sich über etwas streiten, das sich gar nicht eindeutig entscheiden lässt

Herkunft

Um des Kaisers Bart streiten die Gelehrten immer noch. Zum Beispiel darüber, ob es um den Bart so berühmter Herrscher wie Karls des Großen oder Friedrich Barbarossas ging – oder doch nur um den einer Ziege.

Bei Kaiser Karl dem Großen (747 oder 48 – 814) soll es dereinst um die Frage gegangen sein, ob Karl einen Bart getragen habe oder nicht. Die Antwort war wichtig, weil in verschiedenen Rechtsstreiten Urkunden dieses bedeutenden Kaisers eine Rolle spielten. Und auf einigen Siegeln stand das Bildnis des Kaisers mit, auf anderen ohne einen Bart. Dadurch entstand der Verdacht, dass entweder diese oder jene gefälscht sein könnten. Aber welche von beiden waren echt? Darüber entbrannte angeblich ein hitziger Streit. Allerdings einer, den man nicht als unwichtig abtun konnte, und der dem Sinn der Redewendung nicht entspricht.

Bild: Kaiser Barbarossa mit BartBei Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1122 – 1190) stand nie außer Frage, dass er einen ansehnlichen Bart getragen hat. Zu Lebzeiten war der rot und wirkte – aber wohl erst nach Friedrichs Tod – namensstiftend; Barbarossa heißt so viel wie Rotbart. Es ist dieser Kaiser, der einer bekannten Sage nach im Kyffhäuser ruht und darauf wartet, das Reich eines Tages wieder zu Frieden und Einheit zu führen. Er schläft und träumt an einem steinernen Tisch, durch den sein Bart wächst. Aber was für ein Bart?! Ein weißer, wie man es von einem würdigen Alten annimmt? Oder doch ein immer noch roter? Nun, wer sonst keine Sorgen hat…

Ernsthafter stritten Gelehrte Mitte des 19. Jahrhunderts darüber, welcher Kaiser überhaupt im Kyffhäuser ruhe. Barbarossa war keineswegs der einzige Anwärter. Auch sein weißbärtiger Enkel Friedrich II. galt als aussichtsreicher Kandidat.[1]

Das Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten und weitere Werke sehen eine andere Herkunft als die wahrscheinlichste an: die lateinische Redensart de lana caprina rixari (um Ziegenwolle streiten).[2] Anscheinend stritt man im alten Rom darüber, ob Ziegenhaare auch als Wolle bezeichnet werden dürften. Jedenfalls spottete der Dichter Horaz (65 – 8 v. Chr.) über einen solchen Streit. Im (deutschen) Volksmund sei daraus erst ein Streit um das Geißenhaar bzw. den Geißenbart geworden und erst viel später der um des Kaisers Bart. Die alte Wendung passte einfach zu gut zu dem etwas aberwitzig erscheinenden Streit um die Bartfarbe welches deutschen Kaisers auch immer. Dafür spricht, dass sich in anderen Sprachen der ursprüngliche Wortlaut erhalten hat, zum Beispiel im Niederländischen. Dort heißt es immer noch twisten om een geitenhaar. Aber auch in vielen alten deutschen Schriften werden unwichtige Dinge mit Ziegenwolle gleichgesetzt.

[1] Siehe Kaul, Camilla G.: Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser – Bilder eines nationalen Mythos im 19. Jahrhundert, Böhlau Verlag, Köln – Weimar – Wien 2007, S. 408
[2] Vgl. Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, 7. Auflage, Herder Verlag, Freiburg – Basel – Wien 1994, Bd. 1, S. 153 f.

Beispiele

„Ich verstehe nicht, wieso fortwährend um des Kaisers Bart gestritten wird?“
„Spitzfindig beendete er die Diskussion, indem er feststellte, dass man nicht um des Kaisers Bart streiten müsse.“
„Der verbale Schlagabtausch wirkte wie ein Streit um des Kaisers Bart.“
„Am Ende war es doch nur ein Streit um des Kaisers Bart.“

Um des Kaisers Bart streiten
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