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In der Kreide stehen und drei weitere Redensarten mit Kreide

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch1) bei jemandem in der Kreide stehen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch2) jemandem etwas ankreiden
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch3) mit doppelter Kreide (an)schreiben
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch4) Kreide fressen oder bereits gefressen haben

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Bedeutung

1) Schulden haben – jemandem Geld oder einen Gefallen schulden – verschuldet sein
2) jemandem etwas übelnehmen/verübeln/nachtragen/anlasten/vorwerfen – jemanden für etwas verantwortlich machen
3) betrügen
4) sich verstellen – sich harmlos geben – unschuldig und friedfertig tun – sich einschmeicheln

Herkunft

SchiefertafelBei in der Kreide stehen dürfen Sie auf der sprachlichen Ebene tief ins Glas schauen. In der guten alten Zeit vermerkten Gastwirte (aber auch Krämer und andere Händler) die Schulden ihrer Gäste mit Kreide auf einer für alle sichtbar angebrachten Tafel. Papier war ohnehin zu teuer, um einmal verwendet und dann weggeschmissen zu werden. Nicht jeder konnte oder wollte sofort bezahlen. Mit Hilfe der Tafel behielt nicht nur der Wirt den Überblick, wer ihm wie viel schuldete, sondern auch alle anderen. Und da es kein gutes Licht auf einen warf, in Kreide an der Tafel zu stehen, hob das die Motivation der zahlungsunwilligen oder auch vorübergehend zahlungsunfähigen Schluckspechte, so schnell wie möglich ihre Schulden zu begleichen.

Der Zecher bekam bzw. sah also nicht schwarz auf weiß, was er zu zahlen hatte, sondern gegenteilig weiß auf schwarz. Nach einem besonders fröhlichen Gelage mag ihm dabei auch schwarz vor Augen geworden sein …

Wurden die Schulden endlich beglichen, entfernte der Wirt oder Händler den entsprechenden Eintrag von der Tafel – er ging mit dem Schwamm drüber.

In den meisten Kneipen hat sich an dieser Praxis nicht viel geändert. Kreide und Tafel sind lediglich durch Stift und Zettel ersetzt worden.

Eine inhaltlich und geschichtlich zumindest zum Teil sehr ähnliche Redewendung lautet Etwas auf dem Kerbholz haben.

In der Kreide stehen kann logischerweise nur, wem in der Gegenrichtung zuvor jemand etwas angekreidet hat. Aber während in der Kreide stehen immer noch überwiegend Geldschulden meint, wird jemandem etwas ankreiden sehr oft im übertragenen Sinn gebraucht.

Mit doppelter Kreide schreiben konnte ursprünglich auch nur ein Gastwirt. Zumindest einer, mit dessen Aufrichtigkeit es nicht weit her war und der versuchte, seine Gäste zu betrügen. Mit etwas Geschick oder in unbeobachteten Momenten konnte der Schankwirt seinem Gast den einen oder anderen zusätzlichen Kreidestrich auf der Tafel unterjubeln. Das funktionierte besonders gut, solange man römische Zahlzeichen (I, II, III, IV usw.) verwendet hat. Siehe hierzu Jemandem ein X für ein U vormachen. Freilich schreibt auch in heutiger Zeit kein Kneiper mit arabischen Ziffern (1, 2, 3 …) an, sondern verwendet einfache senkrechte Striche.

Für den Ursprung der Redensart Kreide fressen wird sich fast jedes Kind begeistern können – den Gebrüdern Grimm sei Dank.

„Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!“ Aber die Geißlein hörten an der rauhen Stimme, daß es der Wolf war. „Wir machen nicht auf“, riefen sie, „du bist nicht unsere Mutter, denn die hat eine feine und liebliche Stimme, deine Stimme aber ist rau – du bist der Wolf.“

Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide, aß es auf und machte damit seine Stimme fein.“

Beispiele

„Wenn Jugendliche in der Kreide stehen, kommen sie von ihren Schulden kaum wieder herunter.“
„Bei der Sparkasse soll das Unternehmen mit reichlich neun Millionen Euro in der Kreide stehen.“
„Dennoch wollte er sich das Versagen seiner Mannschaft in der ersten Halbzeit nicht ankreiden lassen“
„Der neue Konzern-Chef verfügt über keinerlei Branchenerfahrung, was ihm viele Fachleute als Schwachstelle ankreiden.“
„Sie schreiben ja doch alles mit doppelter Kreide an!“
„Oft hat er mit doppelter Kreide< ums Geld seine Gäste gebracht, bis endlich der Tod ihm gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht."
„Es scheint, als würde so mancher im Wahlkampf Kreide fressen.“
„Da stand doch dieser Isegrimm am Rednerpult und hatte ganz offensichtlich jede Menge Kreide gefressen.“

Wissenswertes

Für diejenigen, bei denen die Zeit der Märchen schon zu lange zurückliegt, sei das Märchen vom Wolf und den sieben Geisslein mittels einer Postkartenserie aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in einer gekürzten Fassung wiedergegeben.

Die alte Geiß verläßt das Haus
Es war einmal eine alte Geiß. Sie hatte sieben junge nette Geißlein. Als sie zum Futterholen ging, rief sie alle sieben herbei und mahnte: „Seid auf eurer Hut vor dem Wolf. Wenn er kommt, so frißt er euch. Er ist schlau und verstellt sich oft.“ Dann meckerte die Alte und sprang getrost davon.

Der Wolf klopft an die Tür
Bald darauf klopfte jemand an die Tür des Geißenhauses und rief: „Macht auf, liebe Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem etwas mitgebracht!“ Die sieben Geißlein erkannten aber an der rauhen Stimme den Wolf und sagten: „Du bist nicht unsere Mutter, die hat eine feine Stimme.“ Und die Türe blieb verriegelt.

Der Wolf frißt die Geißlein
Der schlaue Wolf hatte nun seine Stimme mit Kreide geschmiert und kam wieder zum Geißenhaus. Da ließen sich die sieben Geißlein täuschen und machten die Türe auf. Mit einem Satz sprang der Wolf hinein. Die Kleinen wollten sich verstecken, aber der Wolf verschlang eins ums andere. Nur das Jüngste fand ein sicheres Versteck.

Der Wolf hält ein Verdauungsschläfchen
Der vollgefressene Wolf legte sich unter einen Baum und schlief ein. Die alte Geiß kam aus dem Walde zurück und fand nirgends ihre Kinder. Da schlüpfte das jüngste Geißlein aus seinem Versteck und erzählte, wie der Wolf gekommen war. Auf der Wiese fanden sie den schlafenden Wolf. Bitterlich weinte die alte Geiß um ihre Kinder.

Die alte Geiß befreit ihre Kinder
Die alte Geiß schnitt nun mit einer Schere dem bösen Wolf den Bauch auf und alle sechs Geißlein kamen munter an’s Tageslicht. Dem Ungetüm aber füllten sie den Leib mit Steinen und nähten ihn wieder zu. Der schlafende Wolf merkte nichts davon.

Der Wolf fällt in den Brunnen
Als der Wolf erwachte, ging er zum Brunnen, um zu trinken. Er bückte sich zum Wasser herab, da zogen ihn die schweren Steine in seinem Bauch in die Tiefe. Jämmerlich mußt er ertrinken. Die Alte aber mit ihren sieben Geißlein tanzte voll Freude um den Brunnen und rief: „Der Wolf ist tot!“

In der Kreide stehen und drei weitere Redensarten mit Kreide
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