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Klinken putzen – kein Zeichen für einen Putzfimmel

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch1) Klinken putzen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch2) sich die Klinke in die Hand geben

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Bedeutung

1) (ursprünglich) von Tür zu Tür gehen und etwas erbitten oder zum Kauf anbieten – als Kleinhändler mit seiner Ware von Haus zu Haus ziehen – betteln;
(später allgemeiner gefasst) sich um Kunden bemühen – bei möglichen Geldgebern um Unterstützung für ein Vorhaben oder eine Organisation bitten (Kunst, Kultur, Sport…);
(mittlerweile auch) einen Arbeitsplatz suchen oder mit einem anderen Anliegen Menschen ansprechen – vielerorts vorsprechen, um etwas Bestimmtes zu erreichen
2) reges Kommen und Gehen – nicht abreißender Strom an Besuchern

Herkunft

TürklinkeKlinken putzen spielt mit einem Augenzwinkern darauf an, dass die Händler und Bettler, die damals zahlreich von Haustür zu Haustür zogen, für stets saubere und blank geriebene Türklinken sorgten.

Über Jahrhunderte waren gerade auf dem Lande die von Haus zu Haus ziehenden Händler, Hausierer genannt, wichtiger Bestandteil des Dorflebens. Sie boten nicht nur Dienstleistungen und Waren an, auf die die Dorfbewohner angewiesen waren (z.B. Schleifen von Scheren und Messern, Verkauf von Nadeln und anderen Kleinteilen), sondern sie wussten auch das Neueste aus der Umgebung zu berichten. Und dafür bestand in einer Zeit ohne Tageszeitungen, Radio, Fernsehen oder Internet natürlich immer Bedarf. Besonders geschickte Klinkenputzer waren angeblich die Hausierer slowenischer Herkunft, die Schlawiner.

Ein Vorläufer des Klinkenputzens war das schon fürs 16. Jahrhundert belegte Klinkenschlagen, womit man nichtsnutziges Herumtreiben, das Umhergehen ohne Ziel und Zweck, aber wenigstens regional auch das Betteln um Geld beschrieb. Obwohl Sprichwörtersammler im 19. Jahrhundert die Wendung noch kannten[1], ist sie längst in der Versenkung verschwunden. Trotz dieser Bedeutungslosigkeit sei es mir gestattet, Sie mit einem schönen, spitzzüngigen Zitat zu behelligen:

„Denn es ist fur augen, das manche Stad itziger zeit schier halb versetzt ist mit lauter solchen faulen lutterbuben und biergurgeln, die nichts thun dan spacieren und klinckenschlagen gehen.“[2]

Für (Tür)klinken sind in den verschiedenen Ecken des deutschen Sprachraumes noch andere Bezeichnungen im Umlauf, z.B. Drücker oder Schnalle. So wird aus dem hochdeutschen Klinken putzen weiter südlich (bspw. in Teilen Österreichs) Schnallen drücken.

Auch grob geschätzte 140 Jahre nach Aufkommen der Redensart hat Klinken putzen nur wenig von seinen abwertenden Beiklang verloren. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen jede Woche ein Vertreter/“Drücker“ vor der Tür stand und mit bisweilen fragwürdigen Methoden Staubsauger oder Zeitschriften an den Mann oder – häufiger – die Frau bringen wollte. Trotzdem genießen Tätigkeiten wie Außendienstler, Vertriebsmitarbeiter oder auch die seit über einem Jahrzehnt im Internet tätigen Netzwerker kein sonderlich hohes Ansehen, ob sie nun Klinken putzen oder Schnallen drücken.[3]

[1] Siehe z.B. Wander, K. F. W.: Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Leipzig 1870, Bd. 2, Spalte 1396
[2] Westphal, Joachim: Faul Teufel/ Wider das Laster des Müssigganges, Eisleben 1563, S. 16 (
in digitalisierter Form
bereitgestellt von der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.
Es ist immer wieder eine Freude, wenn und dass solche seltenen Werke der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung gestellt werden.)
[3] Einen kurzen, aber anschaulichen Einblick in das Berufsleben eines Vertreters bietet seit dem 16.05.2008 der Artikel „Verhandeln an der Tür“ auf karriere.de.

Beispiele

1) „Sie muss verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, Klinken putzen und neue Geldgeber finden.“
„Um mit großen Unternehmen ins Geschäft zu kommen, muss man lange Klinken putzen.“
„Mittlerweile muss ich nicht mehr Klinken putzen und mich anbiedern.“
2) „Personal, Patienten und Besucher geben sich die Klinke in die Hand, so dass sich Keime ungehemmt ausbreiten können.“
„Wieder einmal werden sich die Großen und die Größten im Blitzlichtgewitter die Klinke in die Hand geben.“

Wissenswertes

Klinkenputzer bei der Arbeit

Ein Hausierer bietet seine Waren einer Bauersfrau an. Radierung aus dem Jahr 1741.

Klinken putzen – kein Zeichen für einen Putzfimmel
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