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Kennen Sie den Weg nach Canossa?

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglischnach Canossa gehen – den Gang nach Canossa antreten (müssen)

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Bedeutung

sich demütigen/erniedrigen/unterwerfen (müssen) – Reue zeigen (müssen) – sich unterwürfig entschuldigen (müssen) – jemanden um Vergebung bitten (müssen)

Herkunft

Canossa, eine einst mächtige Burg in Norditalien, ist in mehreren Sprachen zum Sinnbild für eine Schmach geworden, die man auf sich nehmen muss. Canossa steht auch für das Jahrhunderte währende Ringen um Macht zwischen den deutschen Königen/Kaisern und dem Papsttum.

Heinrich IV. mit Zepter und Reichsapfel auf einem Bild des 11. Jahrhunderts Beim sogenannten Investiturstreit, von dem jeder in der Schule gehört haben sollte, ging es vorrangig darum, wer hohe geistliche Würdenträger (z.B. Bischöfe) ernennen durfte: König/Kaiser oder Papst. Der Streit eskalierte, als der deutsche König Heinrich IV. (siehe Bild) ab 1071 einige Bischöfe in Italien einsetzte, sich Papst Gregor VII. aber gleichzeitig entschieden gegen die Einsetzung kirchlicher Würdenträger durch weltliche Herrscher wandte und Heinrich scharf kritisierte. Heinrich, unterstützt durch deutsche Fürsten und mehrere Bischöfe, wollte Gregor kurzerhand absetzen, wurde aber von Gregor gewissermaßen ausgekontert und mit dem Kirchenbann belegt. Das bedeutete, dass ihm – König hin oder her – kein Christ mehr zu Treue oder Diensten verpflichtet war. Nicht wenige der Fürsten, die ihm zuvor ihn seiner unnachgiebigen Haltung bestärkt hatten, fielen Heinrich nun in den Rücken, weil sie die Chance witterten, ihre eigene Macht zu stärken. Der König war also gezwungen zu handeln, wollte er König bleiben. Konnte er die Aufhebung des Bannes erreichen, waren ihm die Reichsfürsten wieder zu Gehorsam verpflichtet. Als reiste er im Dezember 1076 dem Papst entgegen, der sich mit den Abtrünnigen treffen wollte. Er quälte er sich von Speyer aus durch Winter und Gebirge Richtung Italien. Ein solches Treffen wollte der Papst nun gerade nicht und verschanzte sich deswegen auf der schwer zugänglichen Burg Canossa. Verhandlungen über ein Treffen scheiterten, woraufhin sich Heinrich als letztes Mittel im Büßerhemd vor das Burgtor stellte. Dieser rituellen und formalisierten Buße konnte sich der Papst nicht entziehen und musste, ob er wollte oder nicht, den Bann lösen.

In einer zeitgenössischen, papstnahen Quelle wird dieser Vorgang wie folgt beschrieben:

… „hier stand er nach Ablegung der königlichen Gewänder und ohne alle Abzeichen der königlichen Würde, ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuß und nüchtern, vom Morgen bis zum Abend, auf das Urteil des Papstes wartend. So tat er am zweiten, so am dritten Tage. Am vierten Tage wurde er endlich zu ihm eingelassen, und nach vielen Reden und Gegenreden wurde er schließlich […] vom Bann losgesprochen.“

Als eigentlich mächtiger Herrscher im Winter zu Fuß durchs Gebirge „wandern“ und vor einer Burg drei Tage barfuß im Schnee herumtapsen zu müssen, ist augenscheinlich eine schwere Niederlage. Trotzdem wird die vollends negative Interpretation des Gangs nach Canossa den Tatsachen nicht gerecht. König Heinrich gewann so seine Handlungsfreiheit wieder, konnte die aufrührerischen Fürsten besiegen, nahm 1084 nach erneuten Aufflammen des Streites Rom ein, setzte Gregor als Papst ab und ließ sich vom ihm getreuen und von ihm eingesetzten Clemens III. zum Kaiser krönen. All das wäre ohne Canossa nicht möglich gewesen. Reichlich plakativ formuliert: Heinrich hatte eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg. Den verlor er erst gegen Ende seines Lebens. Von Papst Paschalis II. im Jahr 1105 ein weiteres Mal gebannt, wollte er diesen Bann mit einer Wallfahrt nach Jerusalem lösen, wurde aber von seinem eigenen Sohn Heinrich V. gefangengenommen und zur Abdankung gezwungen. Nur wenige Monate nach diesem Verrat starb Heinrich IV. in Lüttich. Das Ende der Auseinandersetzung zwischen weltlichen und kirchlichen Herrschern bedeutete sein Tod allerdings noch lange nicht.

Zum redensartlichen Gang nach Canossa trug Reichskanzler Bismarck bei, als er 1872 vor dem Reichstag über die Ablehnung des deutschen Gesandten Kardinal Hohenlohe durch den Papst sprach: „Seien sie außer Sorge, nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig.“

Beispiele

„Doch schon im Herbst mussten die Konzernherren nach Canossa gehen.“
„Es war für ihn ein schwerer Gang nach Canossa.“
„Stolz und Scham nutzten ihr nichts, diesen Gang nach Canossa musste sie immer wieder antreten, wollte sie als alleinerziehende Mutter etwas für ihre Kinder bewegen.“
„Der frühere Schwergewichts-Weltmeister bereitet sich seit Tagen mit seinen Anwälten auf den Gang nach Canossa vor.“
„Möller hat die Botschaft verstanden und überschlägt sich schier in einem Reuemarsch durch sämtliche Institutionen, gegen den der Gang nach Canossa eine Kaffeefahrt war.“

Wissenswertes

Ruine der Burg Canossa

Obwohl bereits 1878 vom italienischen Staat gekauft und zum Nationaldenkmal erklärt, ist die einst mächtige Burg nur noch eine Ruine.

Bild: Giuseppe Maria Codazzi

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