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Den Nagel auf den Kopf treffen

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch1) den Nagel auf den Kopf treffen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch2) auf/unter den Nägeln brennen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch3) (nicht) niet- und nagelfest sein
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch4) (wie) vernagelt sein
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch5) etwas an den Nagel hängen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch6) an den Nägeln kauen – die Nägel kauen
RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglisch7) Nägel mit Köpfen machen

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Bedeutung

1) genau das Richtige sagen/treffen/machen – mit etwas richtig liegen – den Kern einer Sache treffen – mit wenigen Worten das Wesentliche ausdrücken
2) in einer Angelegenheit große Eile haben – etwas unbedingt loswerden/klären wollen
3) alles, was beweglich ist und was man wegtragen/fortschaffen kann
4) a) keinen klaren Gedanken fassen können – nicht klar denken können
b) unbelehrbar/unverbesserlich/uneinsichtig/engstirnig/starrsinnig/verbohrt sein
5) mit etwas aufhören – seinen Beruf oder eine andere Tätigkeit aufgeben/beenden/einstellen
6) a) sich langweilen
b) verlegen/nachdenklich sein
c) ungeduldig/(an)gespannt sein
7) ganze Arbeit leisten – zu Ergebnissen kommen – eine Sache ordentlich/richtig machen – keine halben Sachen machen

Herkunft

SchützenfestAuch der unbegabteste Handwerker wird wohl ab und an den Nagel auf den Kopf treffen statt den Finger auf den Nagel. Doch mit einem Zimmermann hat unsere Redewendung vermutlich nichts zu schaffen. Sie wird des Öfteren aus dem Schützenwesen hergeleitet, da ein Nagel (auch Zwecke genannt), der zur Aufhängung der Zielscheibe diente, zugleich deren Mittelpunkt darstellte. Schon Luther hielt fest: „Es ist not, daß ein guter schütz allwegen den pflock oder nagel treffe.“

Wer den Nagel nicht auf den Kopf treffen konnte, sondern gegenteilig sogar besonders schlecht schoss, konnte immerhin noch einen Bock schießen. Besser als nichts, oder?

Doch gänzlich gesichert ist diese Herleitung nicht. So wird die Redewendung auch auf eine Komödie des römischen Dichters Plautus (254 v. Chr. – 184 v. Chr.) zurückgeführt. In dessen Komödie „Rudens“ („Schiffstau“) kommt der Ausspruch rem acu tegitisti vor. Wörtlich übersetzt: Du hast die Sache (rem) mit der Nadel (acu) berührt (tegitisti). Schon in älteren Sammlungen lateinischer Zitate wird dies dann mit der zeitgemäßeren Übersetzung den Nagel auf den Kopf treffen wiedergegeben. Auch in Wilhelm Körtes „Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Deutschen nebst…“ (zweite Auflage von 1861) wird unsere Redensart auf die Wendung des Plautus zurückgeführt.

Henne oder Ei? Irgendwann muss irgendwer von der wörtlichen Übersetzung mit der Nadel berühren auf den Nagel auf den Kopf treffen gekommen sein. Die entscheidende Frage – die ich zugegebenermaßen nicht beantworten kann – lautet, ob dadurch tatsächlich die Redewendung erst geschaffen oder eben doch nur für die Wiedergabe der Komödie auf eine bereits bekannte Redensart zurückgegriffen wurde.

Noch einmal zum Zimmermann. Außenseiterchancen hat auch der noch. Das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm (16 Bände) schließt nicht vollkommen aus, dass auch ein gut gezielter Schlag mit dem Hammer gemeint sein könnte. Oder wie formuliert es eine Satire-Zeitschrift aus dem 19. Jahrhundert? (Wobei man nun gerade Beiträge einer solchen Zeitschrift nicht so ganz wörtlich nehmen sollte und darf.)

„Den Nagel auf den Kopf geschlagen!,
Ist höchstes Lob gelung´ner That,
Doch wär´s vergeblich, sich zu plagen,
Wenn keinen Kopf der Nagel hat.“[1]

Bei auf/unter den Nägeln brennen muss man recht genau zielen, will man den Nagel auf den Kopf treffen. Unzweifelhaft ist, dass hier Fingernägel gemeint sind. Darüber hinaus gibt es einigen Spielraum für Erklärungsansätze und Vermutungen.

Gern und oft wird zur Erklärung auf die mittelalterliche Folter verwiesen, bei der man so unglaublich viele „abartige“ Mittel und Wege kannte, um Menschen Schmerzen zuzufügen. Haben Sie sich schon einmal einen Splitter unter den Nagel gezogen? Dann wissen Sie, dass der Bereich um/unter einem Finger- oder Zehennagel äußerst empfindlich ist und können sich vorstellen, welche Wirkung es hinterlässt, wenn jemandem glühende Kohle oder glühendes Eisen auf den Nagel gehalten oder gar ein brennender Kienspan unter den Nagel gesteckt wird.

In alten Quellen wird die Redensart aber zumeist im Zusammenhang mit Kerzen oder Licht genannt, so dass wohl die Deutung eher zutreffen dürfte, die auf den Nägeln brennen mit einer herunterbrennenden Kerze oder ähnlichen Lichtquelle verbindet, die den sie haltenden Fingern zu nahe kommt. Dazu wird verschiedentlich das Beispiel betender Mönche angeführt, die sich wegen der bescheidenen klösterlichen Lichtverhältnisse allgemein und im besonderen wegen der Lesung von Messen in lichtarmen Jahres- und zu dunklen Tageszeiten Kerzen auf die Daumen klebten. Wie weit die Kerzen auch schon heruntergebrannt waren – die Mönche mussten bis zum Ende der Messe durchhalten.

Für diese Deutung sei ein Beispiel angeführt:

„Ein verzagter Schneider, dem man eine Fackel aufgedrungen, fürchtete sich vor dem gefährlichen Dinge. Als man vor´s Thor kam, war die Pechstange schon über die Hälfte verlodert. Nun glaubte der Feigling, das Feuer werde ihm sogleich auf die Nägel brennen.“[2]

Ihnen ist möglicherweise aufgefallen, dass neben den heute geläufigen Wendungen auf den bzw. unter den Nägeln brennen früher noch auf die Nägel verwendet wurde, was genauer zum Ausdruck bringt, wohin und in welche Richtung etwas brennt: auf die Nägel herunter.

Denkbar ist auch, dass die Formen auf den und unter den unterschiedlichen Ursprungs sind. Womöglich stehen sich die Deutungsansätze Folter und Licht gar nicht unversöhnlich gegenüber, sondern erklären jeweils eine Form.

Wenigstens am Rande soll erwähnt werden, dass der eine oder andere Gelehrte alle genannten Herleitungen ablehnt. Eine andere/eigene schlüssige Erklärung vermögen die Kritiker aber auch nicht anzubieten.[3]

Zur Erklärung der Redensart (nicht) niet- und nagelfest sein kehren wir zu den Nägeln aus Metall zurück. Niet- und nagelfest ist eine alte, in Fachkreisen aber auch heute noch gängige Rechtsformel, die insbesondere beim Hauskauf verwendet wurde, und alles bezeichnete, was mit dem Haus fest verbunden war – im Gegensatz zu dem, was „getrieben und getragen“ werden konnte. Oder, wie es ein „Kleineres coversations-Lexicon“ aus dem Jahr 1814 ausdrückt: „Niet und nagelfest, d.h. in einem hause so befestigt, daß es ohne wesentliche verletzung des hauses gar nicht hinweggenommen werden kann […]“

Die Formel ließ sich bei Bedarf erweitern, z.B. durch erd- oder wurzelfest, wodurch ein Kaufvertrag dann auch alles beinhaltete, was auf dem zugehörigen Grundstück eingegraben war oder dort wuchs. Eine ähnliche Unterscheidung zwischen unbeweglichem und beweglichem Gut war schon im Römischen Reich üblich und hat sich bis heute gehalten (vgl. u.a. §94 BGB). So verwundert es denn auch nicht, dass Immobilie aus dem lateinischen Wort für unbeweglich, im-mobilis, abgeleitet ist.

[1] Fliegende Blätter, Berlin 1880, Bd. 72, Nr. 1812, S. 125
[2] Langbein, A.F.E.: Sämmtliche Schriften, Stuttgart 1836, Bd. 7, S.74
[3] Vgl. Hubschmied, Johannes: Bildhafte Redensarten mit dem Verb brennen im eurasischen Sprachbereich und das Problem der Sprachbünde, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Erich Schmidt Verlag, Berlin 1988, Ausgabe 225, S. 241 ff.

Beispiele

1) „Er wird wohl den Nagel auf den Kopf treffen, wenn er schreibt, dass wir in der jetzigen Lage keine Heulsusen und Bedenkenträger brauchen.“
2) „Für den Wahlkampf gilt es, die Themen zu finden, die den Leuten auf den Nägeln brennen.“
3) „Die an Menschen gewöhnten Affen klauen aus offenen Autos alles, was nicht niet- und nagelfest ist.“
4) „Auch Menschenrechtsaktivisten, wenn sie nicht ganz vernagelt sind, leuchtet ein, dass man mit Toleranz bei islamistischen Terroristen nicht weiterkommt.“
5) „Er hat das Alter erreicht, in dem man als Schiedrichter die Pfeife an den Nagel hängen muss.“
6) „Ich wünschte nur einmal den Leutchen zuzuschauen, wenn sie begeistert sind, und an den Nägeln kauen.“ (aus „Der grüne Domino“ von Theodor Körner, 1811)
7) „Jetzt will die Stadt endlich Nägel mit Köpfen machen und die beiden Türme einer längst fälligen Sanierung unterziehen.“

Wissenswertes

Nagelschmied

Bis ins 20. Jahrhundert stellten Nagelschmiede (auch Nagler genannt) die Nägel von Hand her. Auf dem Bild treibt ein Nagelschmied einen glühenden Nagel in ein Nageleisen, um dem Nagel die endgültige Größe und Form zu geben.

Die Abbildung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde mit freundlicher Genehmigung der Nürnberger Stadtbibliothek den berühmten Hausbüchern der Zwölfbrüderstiftungen entnommen, die mit über 1300 Abbildungen für die Entwicklung des Handwerks vom 15. bis zum 19. Jahrhundert eine einmalige Bildquelle darstellen. Die gesamten Hausbücher können Sie auf www.nuernberger-hausbuecher.de bewundern.

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