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Wie von der Tarantel gestochen

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglischwie von der Tarantel gestochen

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Bedeutung

sich plötzlich und heftig bewegen; wie besessen/wahnsinnig; überraschend und sehr heftig reagieren; wild mit den Armen fuchteln und herumrennen

Herkunft

TarantelTaranteln gehören der Familie der Wolfsspinnen an. Die mitteleuropäischen Vertreter werden fast nie größer als zwei oder drei Zentimeter. Es gehört zu den Eigenarten der (meisten) Wolfsspinnen, keine Fangnetze anzulegen, sondern ihrer Beute aufzulauern. Außerdem leben sie bevorzugt in Erdhöhlen.

Spinnen stechen nicht, sondern sie beißen. Darum müsste die Redensart eigentlich „wie von der Tarantel gebissen lauten“. Doch hat sich in der Redewendung alter Volksglauben erhalten – und der nimmt es nicht so genau mit Tatsachen. Zudem verfügen europäische Taranteln je nach Art entweder über gar kein Gift oder ihr Gift ist so schwach, dass es einem Menschen nicht wirklich gefährlich werden kann. Trotzdem wurden dem Stich bzw. Biss einer Tarantel früher üble Wirkungen nachgesagt: tödliche Vergiftungen in Verbindung mit der sogenannten Tanzwut (Veitstanz). In einem Buch aus dem Jahr 1747 heißt es über die Wirkung eines Bisses und zu ergreifende Gegenmaßnahmen:

„Was man über ihre Wirkungen bey denenjenigen erzählt, welche von einer Tarantel gestochen worden, würde ganz unglaublich scheinen, wenn es nicht durch solche Zeugnisse unterstützt würde, welche man vernünftiger Weise nicht in Zweifel ziehen kann. Die Tarantel ist eine grosse Spinne, welche acht Augen und acht Füsse hat. Man findet sie nicht allein bey Tarent, woher sie ihren Namen bekommen hat, oder bey Apulien, […] Wenn man von einer solchen Tarantel gestochen worden ist, so fühlt man kurz danach einen sehr heftigen Schmerz an dem verletzten Theile […] und müßte ohne Hülfe gewiß sterben. Wenn ein gebissener Mensch ohne Bewegung und Verstand da liegt: so versucht ein Instrumental-Musikus verschiedene Stücke, und sobald er dasjenige trifft, dessen Ton und Melodie mit der Natur des Kranken übereinkommt, so sieht man, daß derjenige anfängt, einige leichte Bewegungen zu machen. Er regt Anfangs die Finger nach dem Takte, hierauf die Arme und die Füsse, nach und nach aber den ganzen Körper. Endlich steht er auf, fängt an zu tanzen, und seine Lebhaftigkeit und Stärke vermehrt sich alle Augenblicke. Man hat Leute gesehen, welche sechs Stunden getanzt haben, ohne einmal auszuruhen.“[1]

Diese Übung muss so oft wiederholt werden, bis der Kranke wieder zu Verstand kommt und als geheilt gelten kann. Derlei Beschreibungen waren zahlreich. Selbst im 19. Jahrhundert noch. Da verwundert es auch nicht, dass ein in Süditalien beheimateter Tanz, die Tarantella, mit dem Biss einer Tarantel in Verbindung gebracht wurde. Handelte es sich bei den Taranteln tatsächlich um gefährliche und vor allem sehr giftige Spinnen, so hätten sie angesichts solcher Heilmethoden wohl längst ganze Landstriche entvölkert…

Vermutlich werden den Taranteln Beschwerden angelastet, die andere Ursachen haben, bspw. einen Biss der tatsächlich giftigen, aber selteneren Spinne namens Schwarze Witwe. Solche tatsächlichen Vorkommnisse, gepaart mit abergläubischer Unwissenheit und Übertreibung, führen zu sich hartnäckig haltenden, aber völlig falschen „Tatsachen“.

Obwohl wissenschaftlich völlig falsch, wurde der Begriff Tarantel von europäischen Entdeckern auf die amerikanischen Vogelspinnen übertragen. Die sind meist viel größer als das, was in Europa als Tarantel kreucht und fleucht. Daher denkt man beim Tarantel auch zuvorderst an ein handtellergoßes, behaartes…. Ding.

[1] Rollin, Charles (übersetzt von Müller, Gottfried Ephraim): Historie alter Zeiten und Völker, Elfter Theil, erste Abtheilung, verlegt von George Conrad Walther, Dresden und Leipzig 1747, S. 170 f.; siehe auch Büsching, Anton Friedrich: Dr. Anton Friedrich Büschings eigene Gedanken und gesammlete Nachrichten von der Tarantel, welche zur gänzlichen Vertilgung des Vorurtheils von der Schädlichkeit ihres Bisses, und der Heilung desselben durch Musik, dienlich und hinlänglich sind., Berlin 1772, S. 32 ff.

Beispiele

„Meine Katze jagte wie von der Tarantel gestochen durch die ganze Wohnung.“
„Er sprang auf wie von der Tarantel gestochen.“
„Obwohl ihn der Gegenspieler gar nicht berührt hatte, wälzte sich der Stürmer wie von der Tarantel gestochen auf dem Boden.“
„Er war so erschrocken, dass er wie von der Tarantel gestochen aus seinem Sessel fuhr.“
„Der Zeuge sagte aus, er sei nach dem Knall wie von der Tarantel gestochen ans Fenster gerannt.“

Wie von der Tarantel gestochen
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