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Augen auf bei der Berufswahl! Saufen wie ein Bürstenbinder

Redensart/Redewendung

RussischPolnischItalienischSpanischFranzösischEnglischsaufen/trinken wie ein Bürstenbinder

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Bedeutung

maßlos und in großen Mengen Alkohol trinken

Herkunft

„Durch diese Redensart ist ein ehrliches Handwerk ganz unverdienterweise in einen schlimmen Ruf gekommen, aber nicht erst in neuerer Zeit.“[1]

Mittlerweile können die Bürstenbinder nicht weiter in Verruf gebracht werden, weil dieses ehrliche Handwerk weitestgehend von der Maschinisierung verdrängt wurde und kaum noch ausgeübt wird. Doch wieso hielt man ausgerechnet die Bürstenbinder für so sagenhaft durstig und trinkfest, dass spätestens im 17. Jahrhundert diese Redensart „schon drey Meil hinder Babylon bekannt“ war, wie der katholische Prediger und Schriftsteller Abraham a Sancta Clara (1644 – 1709) vermerkte?[2]

Das Unglück der Bürstenbinder hängt am Verb bürsten, das früher auch im Sinne von trinken, saufen, zechen verwendet wurde. Für diesen Gebrauch des Wortes gibt es zahlreiche Beispiele. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis irgendein „Scherzkeks“ vom Bürsten auf den Bürstenbinder kam. Die Versuchung mehr oder weniger misslungener Wortspiele ist zu groß, um zu widerstehen, wie Presse, Fernsehen und Internet jeden Tag aufs Neue beweisen. (redensarten.net bildet da keine Ausnahme.) Ein solcher Bürstenbinder war also einer, der sich aufs Trinken besonders gut verstand, und hatte mit dem Handwerker rein gar nichts zu schaffen.

Andere Autoren wollen den durstigen Bürstenbinder aus dem lateinischen bursa ableiten[3], aus dem Börse, Burse und Bursche entstanden sind. Burschenschaften wurden die Vereinigungen von Gesellen und vor allem Studenten genannt, deren Zusammenkünfte oft feucht-fröhlich waren. Der leichte Lebenswandel war wohl so bezeichnend, daß man das Verb burschen oder auch burschieren bildete, womit „ein lustiges Leben führen wie die Burschen“[4] gemeint war. Aus diesem burschen sei über weitere Ableitungen das bürsten im Sinne von übermäßig trinken entstanden.

Doch mag diese Herleitung nicht recht überzeugen. Da es ein Verb bürsten mit der Bedeutung trinken bereits gab, mußte ein solches nicht erst bzw. noch einmal über viele Umwege erdacht werden. Und so kann es auch nicht verwundern, dass eines der bedeutendsten deutschsprachigen Wörterbücher, das der Gebrüder Grimm, keinen Zusammenhang zwischen burschen und bürsten herstellt.

Erwähnter Abraham a Sancta Clara hingegen benötigt keine Umwege und Ableitungen, sondern geht mit den handwerkenden Bürstenbindern selbst hart ins Gericht und beklagt bspw., dass „euer Arbeit nimmt den Staub weck, aber bey euch staubt das Maul nimmermehr, dann es allezeit von Bier und Wein feucht ist“.[2] Er lässt keine gute Borste an dem hier gar nicht so ehrlich und sauber erscheinenden Handwerk. Was Sancta Clara zu diesem vernichtenden Urteil bewogen hat, bleibt leider im Dunkeln.

Zum schlechten Ruf der Bürstenbinder trug später bei, dass sie oft als Klinkenputzer unterwegs waren, das heißt, dass sie als Wanderhändler im Lande umherzogen. Als Folge brachte man diese Handwerker mit noch weniger ehrenhaften Eigenheiten als dem Saufen in Verbindung, z.B. mit Lügen und Fluchen.

Immerhin kämpfen die wenigen verbliebenen Bürstenbinder nicht einsam und verlassen um ihre Berufsehre, sondern können u.a. auf die Hilfe der ebenso selten gewordenen Kesselflicker und Bierkutscher zählen, die der Volksmund ebenfalls in Misskredit gebracht hat (trinken/streiten/schimpfen/fluchen wie ein Kesselflicker bzw. fluchen wie ein Bierkutscher).

[1] Richter, Albert: Deutsche Redensarten, Verlag R. Richter, Leipzig 1893, S. 29
[2] Abraham a Santa Clara: Etwas für Alle, Würzburg 1699 (unveränderter Nachdruck 1905), S. 435 ff.
[3] Vgl. bspw. Krüger-Lorenzen, Kurt: Deutsche Redensarten und was dahinter steckt, 7. Auflage, Heyne, München 2001, S. 57
[4] Richter, Albert: Deutsche Redensarten, Verlag R. Richter, Leipzig 1893, S. 30

Beispiele

„Sie trinken und rauchen wie die Bürstenbinder, und weil der Bus viele Stunden unterwegs war, haben die Männer gestunken wie eine Schnapsfabrik.“
„In ihrer Jugend hat sie gesoffen wie ein Bürstenbinder.“
„Bei so hohen Drehzahlen muss die Karre ja schlucken wie ein Bürstenbinder.“
„Alter, ich sage dir, die säuft wie ein Bürstenbinder.“
„Saufen wie die Bürstenbinder wäre noch eine Untertreibung.“

Wissenswertes

Bild: Werkstatt eines Bürstenbinders

Bürstenbinder in ihrer Werkstatt auf einer Lithografie aus dem Jahr 1847.

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